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Mighty Oaks wachsen in Bielefeld über sich hinaus
Foto: Lukas Maeder

Mighty Oaks wachsen in Bielefeld über sich hinaus

Wenn sich jemand als Sänger und Songschreiber versucht und in der Nähe von Seattle lebt, möchte man vermuten, dass diese Person in der einstigen Grunge-Metropole auf musikalische Mitstreiter treffen würde. Ian Hooper allerdings ist vor mehr als einem Jahrzehnt lieber nach Europa aufgebrochen und schließlich mit dem Italiener Claudio Donzelli und dem Briten Craig Saunders in Berlin gelandet. Zusammen bilden sie seit 2010 das Folk-Trio Mighty Oaks, das sich im November auf den Weg nach Bielefeld macht! Im Vorfeld der Tour zum aktuellen Album „Dreamers“ stand uns Ian Rede und Antwort.

Nach der Bandgründung seid ihr zügig durchgestartet; Top Ten-Platzierung und Support für prominente Bands inklusive. Gab es zu dieser Zeit einen bestimmten Meilenstein, an dem ihr sicher wusstet, dass ihr auf dem richtigen Weg seid?
Definitiv bei der Show mit Kings of Leon auf der Waldbühne. Wir waren die erste von drei Bands an diesem Abend; das allererste Vorprogramm. Wir dachten, dass vielleicht ein paar Leute da sind und wir einige davon erreichen können. Es war aber schon fast voll und das Publikum war von Anfang an krass dabei. Ich habe ganz scheu ein paar Ansagen auf Deutsch gemacht und schon waren wir drin. Das war der Moment, wo wir gemerkt haben: „Okay, es können fast 20.000 Menschen unsere Musik feiern. Das wird was.“

Hat euch der Erfolg bei der Arbeit am zweiten Album beflügelt?
Eher gehindert. Der Erfolg wurde mit dem Debütalbum nicht angestrebt oder erzwungen, aber er kam. Beim zweiten Album hatten wir das erste Mal diese bescheuerten Gespräche mit der Plattenfirma über Singles und Radiocharts — Sachen, für die wir uns nie interessiert haben und beim Schreiben trotzdem beachten mussten. Das war nicht schön.

Es heißt ja, dass das dritte Album oft noch schwerer als das zweite ist. Macht ihr euch in diese Richtung Gedanken?
Auf keinen Fall. Das zweite war hart, aber beim Dritten blühen wir endlich auf.

Foto: meltbooking

Wie entsteht ein Mighty Oaks-Songs denn?
Ich schreibe meistens die Grundstruktur, also die Akkorde und Gesangsmelodien. Anschließend arrangieren wir die Lieder alle zusammen.

Ihr werdet recht häufig auf eure positiven Texte angesprochen, die nicht sonderlich politisch oder gesellschaftskritisch rüberkommen. Warum wird das so oft von Bands erwartet?
Keine Ahnung. Ich habe das Gefühl, Leute oder zumindest Kritiker wollen nichts Schönes, sondern nur Provozierendes und Schräges. Alles ist so flüchtig heutzutage. Politisch können wir aber auch, immerhin habe ich das studiert.

Hat euch eure Zeit in Deutschland künstlerisch beeinflusst?
Wir wohnen hier zwar, aber Berlin hat noch keine große Rolle für unsere Musik gespielt. Die deutsche Musikszene ist sehr auf Mainstream und Pop ausgerichtet. Leider gibt es gibt kaum ‘ne gesunde Indie-Szene.

Wie empfindest du die Atmosphäre von Berlin? Gerade junge Männer klagen ja gerne darüber, wie leicht man sich selbst in dieser Stadt verlieren kann…
Ich habe eine Love/Hate-Beziehung zu Berlin. Ich war die ersten sieben Jahre so krass angetan von der Stadt, aber dann ging sie mir richtig auf den Sack. Nun, nach einem Jahrzehnt, fühle ich mich hier wieder richtig gut. Ich erlebe Berlin jetzt komplett anders als zu Beginn, was mir sehr gefällt.

Generell ist Integration dieser Tage ein großes Thema. Wie sieht das aus der Perspektive eines Zugezogenen aus?
Ich kann so ein komplexes Thema nicht vereinfacht darstellen. Aber Leute haben generell immer mehr Angst um ihre Existenz. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer und alle achten sehr darauf, dass sie mehr vom Kuchen kriegen; wollen schützen, was ihnen gehört. Es gibt kein „Wir“-Gefühl mehr.

Überwiegend herrscht „Ich gegen die Welt“ und beim Thema Integration wird das besonders klar abgebildet: „Fremd“ heißt „gefährlich“ für viele Menschen. Leute haben kaum die Kapazität, ein paar Meter in den Schuhen anderer zu laufen. Empathie ist nichts mehr und wir sehen, wie Länder dadurch auch nationalistischer werden. Schwierig.

Ihr selbst seid bereits durch allerlei Länder gereist. Welche Lektionen hat euch die Zeit auf Tour erteilt?
Das Life on the road ist überwiegend schön, aber manchmal definitiv auch anstrengend. Wichtig ist, mit einander zu reden, offen zu sein, ehrlich zu sein, Empathie und Verständnis mitzubringen. Weil sich die Welt nicht um mich dreht, sondern um uns zusammen.

Higher Place Tour
Dienstag, 21.11.2017
Ringlokschuppen Bielefeld
Support: Giant Rooks
www.mightyoaksmusic.com

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