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Moves like Jagger: Die Stones in Hamburg

Um halb neun ist der Hamburger Stadtpark plötzlich in diabolisches Rot getaucht. Weit über den Köpfen aller Anwesenden steigt Rauch auf, Trommeln ertönen. „Woo-woo“ ist inmitten der Menschen immer wieder zu vernehmen, dann erlaubt er sich seine Vorstellung: Ein Mann von Wohlstand und Geschmack sei er, der schon viele lange Jahre unter uns ist. Und obwohl Mick Jagger in „Sympathy for the Devil“ offenkundig vom Gehörnten singt, fällt es schwer, die ersten Zeilen nicht auf den drahtigen Frontmann selbst zu beziehen, der den rund 80.000 Besuchern effektiv die Angst vorm Alter nimmt.   

Während andere Menschen ihres Jahrgangs den Tag mit argwöhnischen Kontrollblicken aus dem Küchenfenster totschlagen, liefern die Rolling Stones – bestehend aus Jagger (74), Keith Richards (73), Charlie Watts (76) und Bandküken Ronnie Wood (70) – zum Auftakt der #NoFilter-Europatournee ein zweieinhalbstündiges Set ab, das vermeintliche Gesetze des menschlichen Verfalls außer Acht zu lassen scheint.

Die Engländer tragen eine überlebensgroße Präsenz auf die Bühne, die man sich lediglich durch ein halbes Jahrhundert im Dienste des Rock’n’Roll (…und das hemmungslose Auskosten seiner Früchte) erarbeiten kann.

Und überhaupt, diese Bühne: Vier gigantische Leinwandtürme ragen hinter dem Quartett und ihrer gefühlvoll aufspielenden Begleitband in den nordischen Nachthimmel; je nach Song werden sie mit darauf abgestimmten Animationen oder Nahaufnahmen der Musiker bespielt.

Neben tiefen Falten findet man in den Gesichtern der Stones so auch Zeichen ungetrübter Spielfreude vor – hier muss definitiv niemand antreten, nur um Rechnungen begleichen zu können.

Jagger ist keine fünf Sekunden am selben Fleck zu halten und Wood legt ebenso vergnügt seine Meter zurück, während Watts am Schlagzeug die Aura des zufriedenen Gentleman ausstrahlt und Richards – seit Lemmys Tod die unbestrittene Personifizierung des Genres – mit seiner locker-lakonischen Art wie ein ehrwürdiger Baum wirkt, dessen beiläufig austretendes Harz einige der größten Riffs der früheren Rock-Geschichte sind.

Letzter Deutschland-Termin der Tournee ist der Montag, 09. Oktober in Düsseldorf. Obwohl das Konzert in Hamburg nach kürzester Zeit ausverkauft war, gab es am Tag der Veranstaltung noch letzte Abendkassen-Tickets für fast alle Platzkategorien, sei in diesem Zusammenhang ganz unverbindlich erwähnt.

Von Lästereien, dass die Stones im Seniorenalter und ihre Konzerte teuer seien, sollte sich jedenfalls niemand beirren lassen – schließlich sind sie genau deswegen so sehenswert!

Setlist

Stadtpark Hamburg, 09.09.

01 Sympathy for the Devil
02 It’s only Rock’n’Roll
03 Tumbling Dice
04 Out of Control
05 Just your Fool
06 Ride ‘em on down
07 Play with Fire
08 You can’t always get what you want
09 Dancing with Mr. D
10 Under my Thumb
11 Paint it black
12 Honky Tonk Woman
13 Slippin’ away
14 Happy
15 Midnight Rambler
16 Miss You
17 Street Fighting Man
18 Start me up
19 Brown Sugar
20 Satisfaction
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21 Gimme Shelter
22 Jumpin’ Jack Flash

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