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Gut bedacht ist halb gemacht

Michael „DJ Mino“ Nolting zum Status Quo der Clublandschaft

Nicht weniger als 26 Jahre ist Michael Nolting nun bereits in der abendfüllenden Gastronomie tätig – „hauptberuflich und dementsprechend als Profi“, wie er anmerkt. Besucher westfälischer Tanzflächen dürften den 45-jährigen vermutlich unter seinem Alias kennen, mit dem er „elf Jahre lang für die Adiamo und GOP-Kette“ in Bad Oeynhausen, Oberhausen, Essen oder München tätig war und „in jüngeren Jahren“ zudem im Herforder Go Parc oder dem Playa in Bochum aufgelegt hat: DJ Mino teilt seine Gedanken zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Ausgehens!  

Musikalisch sieht sich Michael als klassischen Allrounder, der „zwischen harter Schiene und Party-Attacke“ innerhalb eines gewissen Spektrums verschiedenste Geschmäcker bedienen kann. Eine House-Party beschallt er zum Beispiel ähnlich routiniert wie einen Malle-Abriss, bei dem ihm sein Entertainertum bei der „Arbeit am Gast“ zugute komme. Die beinhaltet insbesondere Moderation und Animation, bedeutet laut Michael aber nicht, dass er „die ganze Zeit rumbrüllt“. Er erinnert sich, dass ihm die nötige Extraversion dazu nicht unbedingt in die Wiege gelegt wurde: „ In der Schule war ich eher der ruhigere Typ, der sich mit 13 im Jugendzentrum um seine Musik gekümmert hat.

Durch einen ähnlich Interessierten landet Michael nur knapp volljährig als DJ im Bielefelder Pflaumenbaum, der damals sechs Tage die Woche für lange Nächte am Oberntorwall gesorgt hat. Eine Tanzfläche soll es laut dem Zeitzeugen gar nicht erst gegeben haben, da die Polonaise maximal zwei Stunden nach Öffnung ohnehin durch den ganzen Laden ging. „Das war absolute Hochzeit, der Laden hat gebrummt. Ich war insgesamt neun Jahre dort und bin partytechnisch seitdem verdorben“, gibt er seine wohl wichtigste Lektion auf dem Weg zum Alleinunterhalter schmunzelnd preis.

Weitsicht beweisen
Auch bedingt durch anderweitige Verpflichtungen – Michael leitet inzwischen eine eigene Veranstaltungsagentur – sind die Bookings heute nicht mehr ganz so anstrengend wie zu Beginn. Er führt aus: „Seit sechs Jahren bin ich meist einmal im Monat im PM Untermeitingen bei Augsburg. Den Club habe ich mir gehalten, weil ich ihn richtig gut finde und er sich von der Großraum-Konkurrenz abhebt.

Deren Klagen über „schlechtere Zeiten als damals“, das Nichtraucherschutzgesetz oder geburtenschwache Jahrgänge lässt Michael nur zu Teilen gelten. Vielmehr sieht er die Macher selbst in einer Verantwortung, die gelegentlich schlicht nicht getragen wird. Als positives Gegenbeispiel führt er seine soeben erwähnte Arbeitsstelle an.

Da macht der Chef, was vielen anderen Locations fehlt: Eine langfristige Planung. Er beschäftigt sich extrem viel damit, wer in absehbarer Zukunft angesagt sein wird und bucht zu einem ordentlichen Preis. Wenn man wartet, bis ein Act durch die Decke geht, zahlt man natürlich auch mehr Geld. So kriegt der seine Disco, die fast so groß wie der Go Parc ist, voll – und in Augsburg gäb’s genug Alternativen.

Um so eine weitsichtige Planung überhaupt umsetzen zu können, ist Michael zufolge vor allem Gefühl für den Markt erforderlich. Ein gut funktionierendes Netzwerk mit Kontakten in die Plattenindustrie sei ebenfalls ein klarer Pluspunkt, über das Gespür für die richtige Zusammensetzung gehe jedoch nichts: „Viele Betreiber scheinen sich diese Arbeit nicht zu machen; also darüber nachzudenken, was für ihren Club im Rahmen der Möglichkeiten wirklich langfristig passend sein könnte.

Probier’s mal mit Gemütlichkeit
Auf die Frage, ob eine Eskalation wie im Pflaumenbaum heutzutage denn überhaupt noch vorstellbar wäre, lässt sich Michael nach kurzem Zögern tatsächlich selbst zu einem „Das ist einfach nicht mehr wie früher“ hinreißen. Eine leichte Tendenz in diese Richtung erkennt er dennoch, da sich „die Leute zuletzt weniger auf große Tanzflächen fokussiert“ zeigen und sich stattdessen lieber in einem überschaubaren Club oder einer Bar, die sich im Laufe des Abends zum Party-Schauplatz hochschaukelt, einfinden würden.

Dieses Verhalten betreffe vor allem Nachtschwärmer jenseits der 25, die Michaels Einschätzung nach eher seltener, aber dafür aufwändiger als 18-jährige ausgehen. Um für diese oftmals durchaus zahlungsfreudige Schicht attraktiver zu sein, müssten Clubs sowohl kleiner als auch gemütlicher werden und dürften sich gerade dann nicht auf eine musikalische Richtung beschränken, wenn nur ein Bereich zur Verfügung steht.

Ferner vermisst Michael die gebührende Herzlichkeit, was zu oft bereits an der Tür beginne. „Man kann hier auf keinen Fall alle über einen Kamm scheren, aber manchmal hat man schon beim Betreten das Gefühl:  Der Security-Mann hat keinen Bock, drinnen hat das Kassenpersonal erst recht keinen Bock und wenn es bei Service und DJ dann auch noch ähnlich aussieht…man muss sich definitiv den Bedürfnissen des Gastes anpassen.“

Auch Konstanz sei ein chronisches Problem der Szene. „Beispiel Freitag. Der ist wirklich schwierig, das muss man so sagen. Aber wenn da mal eine Sache läuft, springt sofort jemand anders auf den Zug auf. Läuft die Sache nach drei Wochen allerdings nicht mehr so gut, wird sie direkt wieder über den Haufen geworfen. Wie sollen sich die Leute so auf etwas einstellen? Entweder ich stehe zu etwas und zieh’s konsequent durch, oder ich lasse es sein.

Eine Bierlaune in Lemgo-Lieme
Klar für die erstgenannte Variante hat sich Michael im Bezug auf das Lippe Open Air entschieden. Das  wurde „eigentlich aus einer Bierlaune heraus ins Leben gerufen – da entstehen ja doch meist die besten Ideen“, gibt er grinsend zu verstehen. Zugrunde lag vor acht Jahren zunächst der Wunsch zweier Freunde, Lemgoer Fußballvereine finanziell unterstützen zu wollen. Es sollte jedoch ein bisschen mehr als ein handelsübliches Sportfest sein; die Wahl fiel aufs Festival.

Michael blickt zurück: „Bands haben sie noch zusammen bekommen, durch gute Kontakte unter anderem sogar Mungo Jerry – bekannt durch „In the Summertime“ –, doch bei der Bühne selbst und der Technik fing’s dann an. Die beiden waren kurz vor’m Burnout, als sie bei mir angerufen haben. So geriet ich kurz vor der Premiere da rein und habe mich seitdem immer um diese Aspekte gekümmert.

Nach ordentlichem Wachstum beschloss man zum fünften Geburtstag, die Bühne nicht bloß am Sonnabend nutzen zu wollen und nahm den Freitag entsprechend hinzu. Ein weiterer Spezialeinsatz für Michael, der kurzerhand seine „Club-Leute“ animierte, ihre Residents für den Abend abzustellen.

Als Ergebnis steht die seither stetig wachsende „Mallorca meets Ibiza“-Sause, die einen deutlichen Kontrast zum eher gitarrenlastigen Live-Samstag darstellt und eine ganz andere Zielgruppe anspricht – dass sich junge Feierbiester ihre Kombitickets deshalb mit ihren Eltern teilen, ist Michael zufolge keine Seltenheit. Alle Details zum Event gibt’s in der nächsten Ausgabe!

Mehr im Netz: www.djmino.de /www.lippe-open-air.de

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