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Ein Herz für Geschmack

Jil Bohla über Zweifel nach dem Studium und die Entstehung von Heart & Taste

Bewohnern der Bielefelder Orangenkiste sollte er beim Besuch der naheliegenden Supermärkte längst aufgefallen sei: Seit wenigen Monaten verlockt ein auffälliger Truck zum Probieren von frischen, handgemachten Speisen, die völlig ohne das Zutun von Schweinen, Kühen, Hähnchen und anderen wortlosen Freunden auskommen. Sein Name lautet Heart and Taste, was Betreiberin Jil Bohla zufolge einerseits auf die Liebe zu Leckerem und Tieren zurückgeführt werden kann – andererseits ist das Unterfangen an sich ein echtes Herzensprojekt, dem einige schwierige Entscheidungen vorhergegangen sind.

Du hast studiert, oder?
Richtig, ich habe Tourismus- und Freizeitmanagement studiert. Allerdings nicht hier, sondern in den Niederlanden. Vor vier Jahren bin ich damit fertig geworden.

…und machst jetzt etwas, das mit diesem Studium auf den ersten Blick gar nicht viel am Hut hat.
Die Idee ergab sich daraus, dass ich vor drei Jahren meine Ernährung komplett auf vegan umgestellt habe. Vorher war ich zehn Jahre lang Vegetarierin. Mir haben da in der Region einfach die Optionen gefehlt und ich fand, dass hier alles sehr, sehr langsam voran geht. Also habe ich mir gedacht: Das machst du jetzt einfach selber.

Wie sahen deine allerersten Schritte aus?
Zuerst habe ich in alle möglichen Richtungen überlegt: Ob es ein Café wird, ein Restaurant…der Food Truck-Trend ist aber total im Kommen, also wollte ich diesen Aspekt mit veganer Ernährung kombinieren. Modern aufgezogen, nicht so öko-behaftet, frisch, handgemacht und serviert aus einem coolen Truck!

Nachdem die Grundidee stand, habe ich einen Businessplan geschrieben, um zu gucken, ob man davon überhaupt leben kann. Das hatte ich im Studium schon gemacht und konnte das Wissen hier natürlich gut gebrauchen. Mit meinen damaligen Dozenten habe ich auch noch einmal Kontakt aufgenommen, die mir bei der Marketing- und Finanzplanung ein bisschen geholfen haben.

Hast du zu der Zeit gearbeitet?
Ja, ich war nach dem Studium zwei Jahre lang Eventmanagerin.

Aber es hat dir keinen Spaß gemacht?
Genau. Es war nicht sehr erfüllend und ich konnte mir nicht vorstellen, das für den Rest meines Lebens zu machen.

Wie ging’s dir mit der Erkenntnis, dass sich dein Studium eigentlich nicht mit deinen Vorstellungen für die Zukunft verträgt?
Das war erstmal schwierig, klar. Ich hatte überlegt, ob ich noch ein neues Studium in Angriff nehme, aber weitere drei oder vier Jahre dranzuhängen war mir mit Mitte 20 dann doch zu viel. Ich brauchte auf jeden Fall ein paar Monate, um aus dieser Unzufriedenheit wieder rauszukommen und Motivation zu schaffen. Ich habe zum Beispiel in Berlin und Hamburg gelebt, wo das Thema Food Truck schon viel größer ist. Dass ich da Kontakte zu anderen Anbietern knüpfen konnte, hat mir sehr geholfen.

Dann wurd’s konkreter.
Ich habe geschaut, wie groß das Auto sein soll, wo man es herbekommt, wer es umbaut, wie viel das kostet…durch Zufall bin ich an eine Werkstatt in Kassel geraten, die mir Beispiele vorgeführt hat. Nebenbei wurde weiter am Businessplan geschrieben, Kontakt mit dem Steuerberater aufgenommen und überlegt, unter welchem Namen und mit welchen Waren die Sache eigentlich aufgezogen werden soll. Im September 2016 habe ich schließlich ganz spontan an einem Street Food Festival in Minden teilgenommen, um meine ersten Produkte zu testen. Nach vier Stunden war ich ausverkauft! Ich musste für den nächsten Tag zwar eine Nachtschicht einlegen, aber das hat mich natürlich in meiner Idee bestärkt und gezeigt, dass die Nachfrage da ist.

Hattest du trotzdem mit Hindernissen zu kämpfen?
Neben der Finanzierung selbst haben die Behördengänge, um die Erfüllung verschiedenster Auflagen zu sichern, viel Zeit gekostet. Außerdem hat es ewig gedauert, bis die Einrichtung des Wagens endlich vollständig angekommen war. Lieferantentermine haben mich also einiges an Nerven gekostet und auch die Suche nach passenden Versicherungen war sehr kompliziert.

Wann ging’s das erste Mal mit dem Wagen raus?
Das war kurz vor Weihnachten, letztes Jahr. Auf einer kleinen Adventsausstellung in der Nähe von Bad Oeynhausen, die für mich völlig in die Hose gegangen ist: Am ersten Tag lief der Strom nicht und am zweiten sind alle Leute zur Bratwurstbude gerannt, die sich direkt neben mir aufgebaut hatte. War aber nicht so schlimm, da ich mit dem Termin hauptsächlich die Geräte und Abläufe ausprobieren wollte.

An welche Stationen erinnerst du dich lieber zurück?
Die beste Veranstaltung bisher war das Street Food Weekend vor ein paar Wochen hier im Ravensberger Park. Erst waren die Süßkartoffelpommes weg – danach sind momentan alle verrückt. Anschließend waren die Burger ausverkauft und ich konnte nur noch Wraps machen. Auch die waren gegen halb vier jedoch aufgebraucht, obwohl die Veranstaltung noch bis zum Abend ging. Für die nächsten Festivals werde ich also wirklich mehr einpacken müssen…

Unter welchen Gesichtspunkten hast du das Angebot von Heart and Taste zusammengestellt?
Mir ist wichtig, dass man eine gewisse Auswahl hat. Man soll das Essen gut „auf die Hand“ bekommen können, da ich von vornherein an Studenten und Berufstätige in der Mittagspause gedacht habe, die sich im Vorbeigehen etwas mitnehmen. Mit Burgern auf der einen  und Keksen oder Kuchen auf der anderen Seite wird sowohl Herzhaftes als auch Süßes geboten, während ich für den Sommer neue Salate oder  vietnamesische Sommerrollen einplane. Die sind in Reispapier gewickelt, wie eine Frühlingsrolle, werden aber nicht frittiert. Mit Erdnussdip richtig lecker!

Nach Möglichkeit wird darüber hinaus alles selbstgemacht. Falls nicht, arbeite ich nur mit hochwertigen Produkten und guten Lieferanten. Die Brötchen beispielsweise kommen von Bäcker Simon, der 2014 als „Deutschlands bester Bäcker“ ausgezeichnet worden ist.

Wer unterstützt dich bei dem Projekt?
Die Leonie hilft mir beim Verkauf und mein Freund ist auf Festivals häufig mit dabei. Seine Mutter ist quasi auch schon eingestiegen und unterstützt mich sowohl bei der Vor- als auch der Nachbereitung sehr viel, da es alleine überhaupt nicht mehr zu schaffen wäre.  Im Grunde sind wir mittlerweile also ein richtig kleines Familienunternehmen!

www.heartandtaste.de / www.facebook.com/heartandtaste