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Wenn’s mal wieder Flott Weg muss

Der Hauptbahnhof ist ein klassischer Knotenpunkt, an dem jeden Tag etliche Züge, Bahnen, Autos und Fußgänger verkehren. Bielefeld gehört dabei definitiv zu den Städten, bei der man Fahrräder in eine solche Aufzählung einbeziehen sollte – und das nicht etwa wegen den eher überschaubaren Parkgelegenheiten, die vor dem Hauptgebäude zu finden sind: Während Etienne’s Radladen eigene Drahtesel an Mann und Frau bringt, treten die Nachbarn von Flott Weg für andere Menschen in die Pedale!   

Wir wollten uns das einmal genauer ansehen und haben eisigen Winden zum Trotz den Fußweg auf uns genommen, um Geschäftsführer Volker Radzik ein paar Details aus erster Hand zu entlocken. Leerlauf scheint zur Mittagszeit keineswegs zu herrschen, denn während sich manche Mitarbeiter am Rechner verdingen, werfen sich andere für ihre nächste Fahrt in funktionale Kleidung. Zeit für eine herzliche Begrüßung haben sie dennoch allesamt, auch wenn keiner den liebenswerten Enthusiasmus von Hündin Emmi übertrifft.

Schließlich finden wir uns in der Küche ein und erfahren, dass die Geschichte des Kurierdienstes bis ins Jahr 1990 zurückgeht: „Meine Partnerin Rita Rohlfing – auch wenn wir das privat bis Mitte der Neunziger noch nicht waren – hat damals nach Wegen gesucht, über die sie Leute auf möglichst ökologische Weise in feste Arbeitsverhältnisse bringen kann. Sie kannte kurzfristige Arbeit, Arbeit auf Probe oder befristete Verträge zu Genüge und hatte darauf keinen Bock mehr“, erläutert Volker.

Die persönliche Affinität zum Fahrrad brachte die gelernte Uhrmacherin dann auf die Idee, einen Kurierdienst ins Leben zu rufen. Volker erinnert sich: „Sie wurde zuletzt immer wieder als Schmuckverkäuferin missbraucht, das Basteln an Uhren trat immer weiter in den Hintergrund. Mit der überkandidelten Zielgruppe kam sie auch nicht  gut zurecht“.

Während mit Flott Weg vergleichbare Dienste in anderen deutschen Städten oft als Vermittlungszentrale für selbstständige Subunternehmer fungieren, arbeiten in Bielefeld gemäß des ursprünglichen Gedankens nur Festangestellte, die entsprechend geringere Sozialabgaben schultern müssen – im Gegenzug trägt das Unternehmen stets das volle Risiko.

Man bemerkt seit Jahren eine Verschiebung“, antwortet Volker auf die Frage nach den Schwerpunkten des Services. „Spontanfahrten für Fahrradkuriere in Bielefeld sind weggebrochen, da das Internet tatsächlich noch schneller ist. Früher kam es noch vor, dass Dateien zu groß waren oder Bilder nicht farbecht übertragen werden konnten“, führt er aus. Schon vor über 15 Jahren ergänzte infolgedessen das erste von inzwischen fünf Erdgas-betriebenen Autos den Firmenfuhrpark, um längere Strecken unter bleibender Berücksichtigung des eigenen Umwelt-Anspruchs bewältigen zu können.

Heutzutage gehören zum Beispiel Druckereien nach wie vor zu diesen „Spontanen“ und stehen Kunden mit regelmäßigen Lieferwünschen – sei es mehrfach täglich oder zweimal wöchentlich – gegenüber. „Durch die weiß ich jeden Monat, was in den Pott kommt. Nur so kann ich mir überhaupt 25 Fahrer leisten“, macht Volker ersichtlich. „Unser größter Kunde sind die Städtischen Kliniken Bielefeld, deren Fahrdienst wir 2000 übernommen haben. Per Rad wird viel in der Stadt, Klinikum Mitte, gemacht. Die Autos fahren nach Halle und zur Rosenhöhe, fast den ganzen Tag. Von 7 Uhr morgens bis zum Nachmittag.

Transportiert werden dabei hauptsächlich Medikamente, Blut- oder Laborproben, doch auch Dienste für die Pathologie können anfallen. „Das muss man sich in der Regel aber nicht so dramatisch vorstellen, da es nur kleine, in Tupperdosen verpackte Gewebeproben sind“, beschwichtigt Volker. Zunächst: Auf die Annahme hin, dass wahrscheinlich keine ganzen Gliedmaßen von A nach B gebracht werden, entgegnet er trocken, dass genau das „leider auch ab und zu“ vorkommt. Optisch erkenne man derartige Fracht nicht unbedingt, doch „anhand des Gewichts kann man natürlich grob unterscheiden, ob das eine kleine Probe oder ein Bein ist.“ Im Fall der Fälle könnten Fahrer, die sich damit unwohl fühlen, selbstverständlich mit Kollegen tauschen.

Skurrilität mit deutlich leichterer Note bieten hingegen Anfragen wie jene, ob Volker bei der Auslieferung einer Torte nicht ein Ständchen übermitteln könne – ein Gesuch, das höflich aber bestimmt abgelehnt werden musste, „damit die Sahne nicht gerinnt“. Außerdem habe ein spendabler Kölner zwei Wochen lang jeden Tag „kleine Nettigkeiten; mal einen Apfelstrudel, mal rote Rosen“ per Flott Weg an eine in Bielefeld arbeitende Dame übermitteln lassen. Leider weiß Volker nicht, was daraus geworden ist, sie habe sich aber gefreut – „zumindest die ersten paar Tage.

Lastenfahrrad inklusive Fracht

Der Blick in die Zukunft des Unternehmens ist derweil untrennbar mit dessen Grundsätzen verknüpft. „Vor sechs Jahren ist meine Partnerin gestorben. Auch wenn ich dadurch eine lange Zeit beeinträchtigt war, habe ich weitergemacht, da ich möchte aber, dass Flott Weg in ihrem Sinne fortgeführt wird. Also dass Leuten, die auf dem ersten Arbeitsmarkt womöglich nicht zurecht gekommen sind, eine feste Stelle geboten wird, die sie bewältigen können und die ihnen Spaß macht. Natürlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Niemand will toll, aber pleite sein.

Außerdem steht die Anschaffung weiterer Lastenfahrräder auf dem Plan, um „die Innenstadt von Autos zu befreien. Wir müssen hier auf Politik und Gesellschaft setzen, was zum Beispiel die Einrichtung einer Umweltzone angeht. Die Stickoxidwerte sind gerade im Sommer gnadenlos scheiße! Mit dem Lastenfahrrad wollen wir den Leuten zeigen, dass man auch für eine 40 Kilo-Lieferung nicht ins Auto steigen muss.

www.flott-weg.de

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