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Bielefeld, deine Clubkultur: Geld oder Liebe?

Nachdem sich Daniel „DeziBL“ Bolinger im letzten Monat mit House und Black beziehungsweise dem Konzept von „House gegen Black“  befasst hat, möchte Peter Felski als alter Raver auch seinen sprichwörtlichen Senf abgeben. Der Veranstalter der Eventreihen „The Art of“ und „Calling“ sinniert über die Probleme der regionalen Clubkultur und erklärt, was Großraumdiscos mit Gemischtwarenläden gemeinsam haben…
(Aus dem Archiv. Original veröffentlicht im April 2014)

Als ich Anfang der Neunziger mein Herz an die elektronische Musik verloren habe, musste ich jedes Wochenende weite Wege fahren: In Bielefeld oder der näheren Umgebung gab es schlichtweg noch keinen Techno-Club, in dem ich mir die Füße hätte blutig tanzen können.

Foto: Juri Wunder

Deshalb fuhren wir nach Frankfurt, Köln oder Berlin, um die dortigen Locations zu besuchen. Mit der Eröffnung des Madhouse in Bielefeld hatten wir dann auch hier endlich unsere „eigene“ Anlaufstätte und die elektronische Clubkultur der Stadt nahm so langsam Form an.

Über die Jahre hinweg haben sich neben dem Madhouse auch das Cafe Europa, das Subway, der erste Living Room oder auch das Neons in Steinhagen einen wirklich guten Namen in der Szene gemacht; auch über die jeweiligen Stadtgrenzen hinaus. Die Leute reisten aus Kassel, Münster oder dem Ruhrgebiet nach Bielefeld, um die besagten Clubs zu besuchen und alle Spielarten der elektronischen Musik direkt mitzuerleben.

Freitags Techno im Café. Samstags House im Subway. Progressive im Living Room…und genau das ist der Punkt: Es lief eine Musikrichtung in den Clubs; elektronisch, aber facettenreich! Der Gast wusste einfach, was ihn erwartet – und zwar ohne, dass vorher der achtseitige Flyer studiert werden musste, um in einem der vier Floors dann vielleicht doch mal „seine“ Musik zu finden. Es gab eine Szene und diese Szene frönte der Clubkultur. Und ich finde, genau da müssen wir wieder hin.

Ich persönlich habe nichts gegen Großraumdiscos mit mehreren Floors, die dürfen natürlich gerne weiter existieren. Fakt ist bloß: In Bielefeld wird mehr gemeckert als für die Clubkultur getan. Im Moment springen alle auf den HipHop / Black-Zug auf und halten ihn für den neuen Heilsbringer – genau wie es mit dieser Deep House-Nummer war. Sowieso hat sich die Industrie hier eines Begriffes bedient, den es in der Szene schon seit Jahrzehnten gibt und der eigentlich einen ganz anderen Background hat. Aber gut, auf einmal war halt alles „Deep House“…doch das ist eigentlich auch ein anderes Thema.

Die Disco als Gemischtwarenladen

Eine Großraumdisco ist für mich jedenfalls so etwas wie ein Gemischtwarenladen mit kommerziell erfolgreicher Musik. Meiner Meinung nach sollten Clubs immer für eine Richtung stehen, beziehungsweise sollte ein Wochentag immer mit einer bestimmten Musikrichtung verbunden werden.

Es spricht doch nichts dagegen, dass freitags zum Beispiel HipHop und R’n’B laufen, der Samstag dann aber straight elektronisch gestaltet wird! So war es hier in den Neunzigern auch und die vollen Clubs haben aufgezeigt, dass die Sache funktionieren kann.

Tut es in anderen Städten schließlich heute noch – und ich möchte jetzt nicht mal Berlin als bestes Beispiel nennen, da die Hauptstadt allein schon aufgrund des Rave-Tourismus eine Ausnahmestellung innehat. Sogar in Städten, die kleiner sind als Bielefeld, laufen die elektronischen Clubs, weil sie zu ihrer Ausrichtung stehen: Es wird nicht alles nur des Geldes wegen gemacht, sondern aus Liebe zur Musik.

Kultivieren bedeutet laut Duden: „Durch Übung, Ausbildung, Behandlung o.ä. gepflegt verfeinern“. Genau das ist der Punkt: Man muss an der Kultur immer weiterarbeiten, um sie zu erhalten. Das wird in Bielefeld nur in wenigen Discotheken oder Clubs umgesetzt:felski03

Die meisten Vertreter versuchen lediglich, dem momentanen Trend der Stunde gerecht zu werden. Einzig Laurin Schafhausens „Elektronika“ im Stereo oder auch die elektronischen Veranstaltungen im Forum, „Electronic Lounge“ sowie „Himmel und Erde“, haben versucht, zu kultivieren und Trends zu setzen. Und ich hoffe, dass sie das weiterhin schaffen!

Auch der Ringlokschuppen gibt sich meiner Ansicht nach Mühe, sei es nun mit den „Leises Rauschen“-Veranstaltungen oder dem Besuch der „Cocoon Heroes“; das waren schon echte Highlights. Aber selbst diese Veranstaltungen können auf Dauer nur funktionieren, wenn wir alle an unserer Clubkultur arbeiten.

Wir als Veranstalter, die ihre Sache mit Herzblut machen und immer neue DJs präsentieren. Und natürlich ihr als Gäste, die auf unsere Partys kommen, ausgelassen feiern und Spaß haben wollt – selbst wenn der DJ gerade nicht Platz 1 in den Beatport-Charts belegt und sein aktueller Hit nicht auf 1Live rauf und runter gespielt wird.

Des Weiteren wäre es schön, wenn die Clubs mal wieder vor 1 Uhr gefüllt wären – wer früher kommt, kann länger feiern! Ihr glaubt gar nicht, was wir hier für tolle Residents haben, die einen extrem guten Job machen und die es mehr als wert sind, dass man seinen Arsch vielleicht auch mal um halb 12 auf die Tanzfläche schwingt!

Also, liebe Disco-Betreiber, Booker, Promoter und co., wo ich mich selbst komplett mit einschließe: Nicht immer auf den schnellen Euro schielen, sondern auch mal an die Gäste denken. Gebt ihnen den Spaß, den sie wollen! Sicherlich müssen wir alle Geld verdienen, aber vielen Vertretern geht es heute scheinbar einzig und allein darum.

Leute, lasst uns Bielefeld wieder zur Clubstadt machen!

Das Potential ist vorhanden,  wir müssen es nur nutzen. Ich für meinen Teil werde versuchen, meinen Beitrag zu leisten, denn Bielefelds Clubkultur liegt mir aufrichtig am Herzen. Ich freue mich jedenfalls auf einen clubbigen Sommer und einen noch viel clubbigeren Herbst. Auf dass wir bald wieder weniger meckern und mehr tanzen!

Wer mehr von Peter hören möchte, besucht www.facebook.com/theartofpeter2306!

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